Hier war lange Funkstille – dem Thema Nachhaltigkeit habe ich mich zuletzt vor allem in meinem privaten Alltag gewidmet. Aber es gibt ein neues Buch von mir, zu einem ganz anderen Thema, das mit dieser Funkstille zu tun hat und das mir besonders am Herzen liegt.
Im Januar 2023 starb völlig überraschend mein Vater, und ich wurde von einem Tag auf den anderen notgedrungen Pflegefachfrau – meine gebrechliche Mutter war bis dahin weitgehend auf die Fürsorge meines Vaters angewiesen; nun musste ich eine Pflegeinfrastruktur aus dem Boden stampfen. Eine große Herausforderung, logistisch und emotional. Meine Erfahrungen erscheinen nächste Woche in Buchform:
Wie ich für einen würdevollen Tod meiner Mutter kämpfte und was ich dabei über Pflege lernte
5,7 Millionen Menschen in Deutschland waren 2023 pflegebedürftig. Bis 2055 wird diese Zahl nochmal um 1,8 Millionen Menschen steigen. Mehr als drei Viertel sind Senioren. 86 Prozent dieser Menschen werden in den eigenen vier Wänden gepflegt, von Angehörigen oder von Pflegekräften aus Osteuropa. Ohne diese Pflegenden zu Hause, die mit enormem Engagement und viel Liebe hilfsbedürftige Senior:innen versorgen, würde uns das Thema Pflege dramatisch um die Ohren fliegen. Doch ausgerechnet diese Gruppe wird vom heute bestehenden System im Regen stehen gelassen, trotz Pflegeversicherung und trotz aller Lippenbekenntnisse der Politik und der zuständigen Verbände.
Woher ich das weiß? Ich habe wie gesagt selbst zu diesen pflegenden Angehörigen gehört. 22 Monate lang habe ich mich um das Wohlergehen meiner Mutter gekümmert, gemeinsam mit Pflegerinnen aus Polen. 22 Monate, in denen mir schmerzlich klar wurde, wie schlecht wir aufgestellt sind, im Angesicht einer immer älter werdenden Bevölkerung. 22 Monate, in denen ich immer wieder fassungslos erlebte, wie mangelhaft die ärztliche Versorgung für ältere Menschen ist, deren Mobilität eingeschränkt ist. Menschen, die besonders verletzlich sind. Menschen, die selten fachgerecht unterstützt werden, bei Fragen, die über Leben und Tod und über die Qualität des Lebens bis zum Tod entscheiden. Wie Krankenhäuser alte Menschen geradewegs in die Bettlägerigkeit behandeln. Wie die Wünsche der Betroffenen nach einem Altern und Sterben in Würde ignoriert werden. Wie weit Gesetz und Wirklichkeit auseinanderklaffen.
Dieses Buch ist ein Erfahrungsbericht und eine Streitschrift. Als Tochter bin ich wütend darüber, wie allein und unberaten Angehörige oft mit ihren Schwierigkeiten bleiben. Als Mitglied einer alternden Gesellschaft bin ich besorgt darüber, wie es mir wohl ergehen wird, wenn sich an den Missständen nicht schnell etwas ändert. Vor allem aber wundere ich mich: Wie kann es sein, dass wir seit Jahren um die Herausforderungen unserer Altersstruktur wissen und sich dennoch so wenig verändert?
Die Erlebnisse, die ich in diesem Buch schildere, sind natürlich ein subjektiver Erfahrungsbericht, anekdotisch und nicht durch eine repräsentative Erhebung unterfüttert. Deshalb habe ich mir den Rat von Fachleuten gesucht. Ich wollte herausfinden, ob meine Mutter und ich einfach nur Pech hatten. Mein Fazit: leider nein. In diesem Buch gehe ich der Frage nach, was bei uns in Sachen Pflege schiefläuft. Und wie es besser ginge.
Ich freue mich über zahlreiche Leser:innen für dieses wichtige Thema – in der Hoffnung, dass dieser Erfahrungsbericht dazu beitragen kann, dass
